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Hier zwei Geschichten aus "Flügelschlag der Engel - Band 2" lesen!

Unten findet Ihr zwei vollständige Geschichten aus dem Buch "Flügelschlag der Engel - Band 2" von Manfred Hilberger.



Weihnachtszeit mit Liebeskummer

Sabine schaute traurig ihre beste Freundin an, während sie vergeblich versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. „Ich hatte so gehofft, dass ich Weihnachten nicht wieder würde alleine sein müssen.“

„Ach Bine, ich hab dir schon tausend Mal gesagt, dass du Frank abhaken musst“, versuchte Angela sie davon zu überzeugen, dass sie wohl vergeblich monatelang auf eine Beziehung mit ihrem Traummann gehofft hatte.

Eigentlich hatte zwischen Sabine und Frank alles ganz vielversprechend begonnen. Sie hatten sich auf einer Party kennen gelernt und stundenlang tiefsinnig unterhalten. Schnell hatten sie viele Gemeinsamkeiten festgestellt, lachten viel miteinander und verstanden sich prima. Und so telefonierten sie in den folgenden Wochen alle paar Tage, schickten sich liebevolle Kurznachrichten auf ihre Handys und flirteten im Internet-Chat. Schon als sie sich erst kurze Zeit kannten, hatte Sabine ein Gefühl, als würde sie ihren Herzensmann schon Jahrzehnte kennen. Als wäre es eine Seelenverwandtschaft. Er war so ganz anders, als die anderen Männer. Er war verständnisvoll, lieb, warmherzig, hilfsbereit und aufmerksam. Sie hatte das Gefühl, er wurde ihr von den Engeln geschickt.

Allerdings hatte sie auch von Beginn an Angst davor, dass Frank sie wegen ihrer molligen Figur womöglich nicht als Liebespartnerin wollen würde. Schließlich wusste sie nur zu gut, dass die meisten Männer bei Frauen einen großen Wert auf ein äußeres Erscheinungsbild legten, das dem einer Hollywood-Schönheit nahe zu kommen hatte. Und da Frank auch nach mehreren Wochen noch immer keine eindeutigen Avancen in Richtung Liebesbeziehung machte, wuchs ihre diesbezügliche Befürchtung von Tag zu Tag immer mehr. Sie hatte Angst, ihn zu verlieren, noch bevor sie ihn wirklich gewonnen hatte. Andererseits spürte sie jedoch auch, dass er sie liebte. Sie war sich absolut sicher, dass sie sich in dieser Hinsicht nicht täuschen konnte. Warum aber machte er dann nie irgendeine klare Andeutung, eine Partnerschaft mit ihr führen zu wollen?

Mit der Zeit kam zu ihrer Verliebtheit auch eine gewisse Form von Wut hinzu. Sie konnte doch wohl erwarten, dass der Mann, der sich augenscheinlich so verhielt, dass für sie kein Zweifel über seine Gefühle aufkommen konnte, mal einen deutlicheren Schritt auf sie zu machen würde. Stattdessen war immer wieder sie es, die sich bei ihm zu melden hatte. Wenn sie sich mal ein paar Tage nicht bei ihm meldete, tat auch er es nicht. Und so wuchs ihre Angst, dass er nur ein mieses Spiel mit ihr spielte und seine Gefühle, oder zumindest das, was Sabine für eindeutige Gefühle hielt, nur heuchelte.

“Du musst Tacheles mit ihm reden“, empfahl ihre Freundin Angela immer wieder. „Sag ihm, dass du endlich wissen willst, woran du bist.“
“Das kann ich nicht“, versuchte Sabine dann stets zu entschuldigen. „Er ist der Mann, er muss den ersten Schritt machen. Und nach allem, was bisher zwischen uns war, kann ich das ja wohl auch erwarten.“

Da Franks erster Schritt aber weiterhin ausblieb, wurde Sabine immer zorniger auf ihn, obgleich sie gleichzeitig behauptete, ihn zu lieben. Dass ihre Wunschvorstellung einer gemeinsamen Beziehung, gepaart mit der Erwartung, dass auch er diesen Wunsch hegen müsse, rein gar nichts mit wirklicher Liebe zu tun hatte, war der emotional betonten Dame dabei nicht bewusst. Stattdessen wurden die SMS`, die sie ihm weiterhin täglich schickte, immer giftiger. Immer häufiger musste Frank ihre Anspielungen als Vorwürfe verstehen. Und er schien dabei nicht gewillt zu sein, ihre Erwartungen zu erfüllen. Und so zog er sich im Laufe der Zeit immer mehr zurück und reagierte immer seltener. Bis auch Sabine sich irgendwann nicht mehr meldete und eisige Funkstille zwischen den beiden herrschte.

Draußen war der verregnete Sommer inzwischen übergangslos zu einem eiskalten Winter geworden. Das Thermometer zeigte unbehagliche zwei Grad an und an den Straßenlaternen verkündeten altmodische Glühbirnen, die europaweit längst nicht mehr im Handel erhältlich waren, die Vorweihnachtszeit.
„Ich hatte so gehofft, dass ich Weihnachten nicht wieder würde alleine sein müssen“, wiederholte Sabine mit Tränen in den Augen. „Aber du hast schon Recht: eigentlich ist er ein Schwein. Er hat die ganze Zeit nur mit meinen Gefühlen gespielt. Immer wieder hat er mir Hoffnungen gemacht. Immer wieder hat er mir tief in die Augen geblickt und verliebt gelächelt, dabei war ich ihm in Wirklichkeit von Anfang an zu fett. Ich hätte ja wohl erwarten können, dass er dann wenigstens so ehrlich ist und mir das sagt.“

Dann brach die enttäuschte Frau in ein lautes Weinen aus. Angela setzte sich direkt neben sie, nahm sie in den Arm und flüsterte abermals: „vergiss den Typen. Der ist es nicht wert. Er hat keine deiner Erwartungen erfüllt. Also, was willst du dann mit so einem?“
Sabines Enttäuschung war nun so groß, dass sie sich kaum mehr beruhigen konnte. Sie wurde immer hysterischer und weinte fast den ganzen restlichen Abend. Ihre Freundin hätte ihr gerne geholfen, ihr gerne einen Teil des Schmerzes abgenommen, aber sie wusste nicht wie. Tröstende Worte schienen nicht zu helfen. Es war wie ein totaler Nervenzusammenbruch, der da aus Sabine herausbrach, wodurch auch ihre beste Freundin Angela nun immer wütender auf Frank wurde.

Als die beiden Freundinnen am nächsten Vormittag gemeinsam frühstückten, waren Sabines Augen immer noch verweint und geschwollen. „Bine, du musst Weihnachten nicht alleine verbringen“, sagte Angela leise. „Ich sag meiner Familie Bescheid, dass ich erst am ersten oder zweiten Feiertag zu ihnen komme und dann verbringen wir Heiligabend gemeinsam. Einverstanden?“
“Ach, du bist echt ein Engel“, antwortete Sabine, „aber fahr du ruhig zu deiner Familie, die freuen sich ja auch auf dich.“
“Nein nein, das regle ich schon“, bestätigte ihre Freundin ihre neue Weihnachtsplanung.

Angelas Wohnzimmer erstrahlte in festlichem Glanz, als ihre beste Freundin dann am späten Nachmittag des Heiligen Abends bei ihr eintraf. Sabine war zu Tränen gerührt. Der geschmückte Nadelbaum, die unzähligen kleinen Lichter, die Kerzen und auch kleine liebevoll eingepackte Pakete erinnerten sie an den Weihnachtszauber ihrer Kindheit. Die kleinen Tränen, die sie sich aus den Augenwinkeln wischte, waren aus Freude, Rührung, aber auch Traurigkeit entstanden. Denn ursprünglich hatte sie ja erwartet, einen solchen Abend mit dem Mann verbringen zu können, den sie noch immer in ihrem Herzen trug.

“Bescherung gibt’s nach dem Essen. Aber das hier musst du jetzt schon aufmachen“, sagte Angela lächelnd und streckte ihr ein etwa sieben Quadratzentimeter kleines Päckchen entgegen. Mit fragendem Blick wickelte Sabine die kleine Schleife auf. Ob der geringen Größe und der Form des kleinen Geschenkkartons erwartete sie darin ein Schmuckstück. Es kam jedoch ein kleiner Terrakotta-Engel zum Vorschein, auf dessem Sockel zu lesen war: ‚Erwarte nichts und du bekommst alles’.
“Der ist aber süß“, strahlte Sabine entzückt.
“Hast du schon gelesen, was er dir zu sagen hat?“, wollte ihre beste Freundin wissen.
“Ja, das ist schön“, sagte Sabine, die aber nicht wusste, was Angela ihr mit diesem Spruch sagen wollte. Danach zu fragen, traute sie sich jedoch nicht.

Die beiden machten es sich dann in dem festlichen Zimmer gemütlich. Aus der winzigen Stereoanlage schallten schon tausendfach gehörte Weihnachtslieder und das eher bescheidene Weihnachtsmahl bereiteten sie gemeinsam in Angelas Küche zu. Als sie mit Essen fertig waren, blickte Angela zur Uhr.

“Ah, sehr gutes Timing“, sagte sie. „Gleich kommt der Weihnachtsmann.“
Sabine, die dies für einen Scherz hielt, lachte.
Tatsächlich klingelte es aber nur wenige Sekunden später an der Wohnungstüre. Angela sprang auf, um einen Moment danach in den Raum zurückzukommen – gefolgt von einem großen Mann in einem billigen roten Nikolauskostüm. Sabine schaute ihre Freundin mit einem verdutzten Lächeln fragend an.

“Ho, ho, ho“, sagte der Mann mit tiefer Stimme, wobei nicht zu überhören war, dass er sich sehr anstrengte, in möglichst tiefer Stimmlage zu sprechen. „Wart ihr auch immer brav?“
“Jaaaaa“, antworteten die beiden Damen lachend.
“Naja, bei dir, liebe Sabine, bin ich mir da nicht so ganz sicher“, sagte der Weihnachtsmann mit erhobenem Zeigefinger und strengem Blick.
Sabine erstarrte. Nicht etwa, weil der Weihnachtsmann seine nicht einmal vorhandene Rute hätte herausholen können, sondern weil sie plötzlich zu wissen glaubte, Frank hinter dem weißen Wattebart zu erkennen. Erschrocken blickten ihre großen braunen Kulleraugen zu Angela, die jedoch bloß lächelte.
“Mir kam zu Ohren“, setzte der eher lächerlich wirkende Weihnachtsmann seine Ansprache fort, „dass du in diesem Jahr eigentlich erwartet hast, das Weihnachtsfest mit einem Mann zu verbringen. So einfach konnte das aber nicht gehen. Du hast einfach zu viel erwartet.“
Nun war Sabine entsetzt. Auch Franks Stimme hatte sie mittlerweile erkannt und sie hatte keinen Zweifel mehr, dass er es war, der sich unter dem Kostüm verbarg. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, denn eigentlich kam sie sich veralbert vor. Durch das, was Frank gerade gesagt hatte, erinnerte sie sich an den Spruch, der bei dem Terrakotta-Engel stand, den Angela ihr geschenkt hatte. Kurzzeitig hatte sie das Gefühl, das ihre Freundin in diesem Moment ein sehr böses Spiel mit ihr spielte. Sie dachte sogar kurz darüber nach, einfach davonzulaufen.

In diesem Moment aber fuhr der Pseudo-Weihnachtsmann seine Rede fort: „Wie mir zu Ohren kam, hast du dich in einen Mann verliebt und von ihm erwartet, er würde eine Beziehung mit dir führen wollen. Und tatsächlich wollte dieser Mann das auch. Aber so, wie du Angst hattest, dass du für diesen Mann womöglich nicht attraktiv genug seiest, so hatte der Mann Angst, du würdest zu viel von ihm erwarten. Und so hattet ihr beide Angst vor dem, was ihr doch eigentlich beide wolltet.“
Mit einem lauten “Frank?“, versuchte die mollige Dame den Weihnachtsmann nun abrupt zu enttarnen. Ihr Anflug von Panik war plötzlich dadurch verflogen, dass Frank ihr durch seinen Wattebart indirekt offenbarte, eine Beziehung mit ihr führen zu wollen.
Frank zog sich sehr flink die Kapuze und anschließend den unechten Bart vom Kopf. Dann gingen die beiden in schnellen Schritten aufeinander zu und umarmten sich so fest sie nur konnten. Angela stand daneben und wurde sogar Zeugin des ersten Kusses dieses neuen Liebespaares.

“Angela, du bist ein Engel“, sagte Sabine wenig später. „Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je erhalten habe. Hast du etwa die ganze Zeit über schon gewusst, dass Frank heute kommen würde?“
“Nein“, sagte Angela und erklärte ihrer Freundin dann, wie es zu diesem Weihnachtsgeschenk kommen konnte. Nach Sabines Nervenzusammenbruch war auch Angela so wütend darauf geworden, dass Frank ihre beste Freundin so leiden ließ, dass sie spontan beschloss, ihn aufzusuchen und ihn zur Rede zu stellen. Bei diesem Gespräch erfuhr Angela dann, dass Frank ebenfalls verliebt war. Jedoch fühlte er sich nach einiger Zeit von Sabine bedrängt. Er berichtete, dass sie ihm immer wieder indirekt schrieb, welche Erwartungen sie an ihn hatte. Sie erwartete, dass er sich häufiger bei ihr melde, sie erwartete eine Gute-Nacht-SMS, sie erwartete, dass er offen über seine Gefühle sprechen solle und noch einiges mehr. Und so hatte Frank Angst bekommen, dass seine Herzensdame zu viel von ihm erwarten würde. So viel, dass er ihre Erwartungen niemals würde erfüllen können.

Angela, die durch Franks Ausführungen Verständnis für seine Ängste bekommen hatte, kam dann auf die Idee, die beiden an Weihnachten zusammenzuführen. Und sie wollte dies nicht tun, ohne ihrer Freundin eine unvergessliche Lehre mit auf den Weg zu geben.
“Dass Frank heute kam, mag dein schönstes Weihnachtsgeschenk sein“, sagte sie zu ihrer Freundin, „aber vergiss nie, dass es Geschenke gibt, die wir nur im Herzen geschenkt bekommen, nicht aber in materieller Hinsicht. Betrachte einen Menschen niemals als für dich bestimmt. Jeder Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Was du dir wünschst, muss nie auch der Wunsch des anderen sein. Wenn du das immer bedenkst, wird es dir hoffentlich gelingen, keine zu großen Erwartungen an ihn zu haben.“

Sabine blickte nachdenklich auf den kleinen Terrakotta-Engel und las leise: „Erwarte nichts und du bekommst alles.“
“Genau“, bestätigte Angela. „Wenn du nichts erwartest, sondern die Dinge so akzeptierst wie sie sind, kannst du nicht enttäuscht werden. Nicht Frank hatte dich enttäuscht, sondern es waren einzig und alleine deine eigenen Erwartungen, die dich enttäuscht haben.“

“Eines hätte ich wirklich nicht erwartet“, sagte Sabine später zu Frank, „dass du mich wirklich so magst, wie ich bin.“
“Ja das tue ich – weil du es nicht erwartet hast“, flüsterte Frank und schloss seine Augen, um sie zu küssen.



Die Frau ohne Namen

„Och bitte“, flehte Timo mit wehleidigem Blick.
„Ich sage es Dir jetzt zum letzten Mal“, mahnte seine Mutter scharfzüngig. „Du brauchst keine Fahrradhandschuhe und damit basta.“
So verschwand der Grundschüler deprimiert in seinem Zimmer, während in der Küche weitere Kochtöpfe scheppernd im Schrank verstaut wurden.

Am nächsten Nachmittag war Timo wieder in dem Zweiradladen anzutreffen, den er so oft aufsuchte. Der etwa einhundert Quadratmeter große Verkaufsraum mit der angrenzenden Reparaturwerkstatt befand sich nur wenige Hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt an einer recht belebten zweispurigen Straße. Seit frühester Kindheit war der blonde Junge ein willkommener Gast in diesem Geschäft und er war stolz, dass er so oft beim Reparieren von Fahrrädern oder Motorrollern helfen durfte. Sicherlich war er für die Inhaberin des Ladens und ihren Lebensgefährten nicht wirklich eine Hilfe. Auch, wenn er gelegentlich einen Schraubenschlüssel anreichen durfte, stand er die meiste Zeit doch wohl eher im Weg herum. Aber die kinderliebe Frau vom Fahrradladen, die offensichtlich keinen Namen zu haben schien, freute sich, wenn der etwa achtjährige Junge angeradelt kam, um ihr einen seiner regelmäßigen Besuche abzustatten.

Und wieder stellte Timo sich an diesem Tag die Frage: „soll ich oder soll ich nicht?“
Er stand vor einem Metallregal voller Fahrradzubehör und blickte auf die in Folie eingepackten beigefarbenen Fahrradhandschuhe. Sie passten ihm wie angegossen, das hatte er schon probiert. Aber sie kosteten zwanzig Mark. Ein Vermögen für einen Bub in diesem Alter. Und so sehr er seine Mutter auch anbettelte, es war nichts zu machen. Er durfte die Fahrradhandschuhe nicht bekommen. Obwohl doch sein ganzes Glück daran zu hängen schien.

„Soll ich nun oder soll ich nicht?“
Immer und immer wieder stellte er sich diese Frage. Eigentlich war es nicht er, der diese Frage stellte, sondern sein Gewissen, das sich unaufhörlich meldete – vor allem dann, wenn die Antwort wieder lautete: „nein, lieber nicht.“

Die Diebeskarriere des jungen Zweiradfanatikers war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich fortgeschritten. Er konnte aber immerhin bereits auf zwei bis drei gelungene Raubzüge zurückblicken, die ihm eine Beute von ein oder zwei Schokoriegeln und eine kleine Spielfigur in Form des ‚Willi’ aus der berühmten ‚Biene Maja’-Serie eingebracht hatte. Bei letzterer flog sein Diebstahl jedoch auf, was dazu führte, dass er die Figur seiner Cousine zurückgeben und sich, was noch viel schlimmer war, bei seiner Tante entschuldigen musste. Nun stand er jedoch vor seinem größten Coup: ein paar echte gepolsterte Fahrradhandschuhe mit einem Wert von mehreren Taschengeldern.

Und so geschah es. Er überhörte sein Gewissen und wartete wie ein Profi die passende Gelegenheit ab. Als die Frau ohne Namen den Verkaufsraum in Richtung Werkstatt verlassen hatte, holte er die beiden Objekte seiner Begierte aus der durchsichtigen Cellophanfolie, zog die Handschuhe an und legte die knisternde Umverpackung zurück ins Regal. Damit kein Verdacht aufkam, rief er wie gewöhnlich ein lautes „Tschühüüüs“ in Richtung Werkstatt, was auf gleiche Weise von einer Frauenstimme erwidert wurde. Der Nachwuchsdieb verließ den Laden, setzte sich auf sein Rad und drehte voller Stolz einige Runden um den Block.

“Wo hast du die Handschuhe her?“ fragte seine Mutter mit entsetztem Blick, nachdem er wieder zu Hause angekommen war. An Schlagfertigkeit schien es ihm nicht zu mangeln, als er spontan antwortete: „die hat mir die Frau aus dem Fahrradladen geschenkt, weil ich immer so schön mithelfe.“
Offensichtlich war diese Lüge glaubwürdig. Jedenfalls wurden keine weiteren Fragen gestellt, was den Pulsschlag des Jungen schnell wieder auf ein normales Level herunterfahren ließ.

Der Wert des Pulsschlages sollte jedoch nur bis zum Abend im medizinisch normalen Bereich bleiben. Genauer gesagt, bis sich abends im Bett das Gewissen plötzlich zurückmeldete: „das war richtig Scheiße und das weißt du“, schien es immer wieder zu sagen. Ob er sich nach rechts drehte, ob er sich nach links drehte oder ob er auf dem Rücken lag – das Einschlafen wollte nicht so leicht gelingen. Aber die Tat war nun geschehen. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Timos kriminelle Karriere schien mit diesem Diebstahl einen vielversprechenden Anfang genommen zu haben. Denn am nächsten Tag war er bereits clever und abgebrüht genug, um zu wissen, dass er sich möglichst unauffällig verhalten musste – also so, wie immer. Und so fuhr er am nächsten Tag wieder zum Ort des Verbrechens, damit die Frau ohne Namen keinen Verdacht schöpfen würde. Nun, grundsätzlich mag diese Idee aus kriminalistischer Sicht nicht dumm gewesen sein. Dumm war nur, beim Betreten des Fahrradladens die frisch gestohlenen Fahrradhandschuhe zu tragen.

“Sag mal, wo hast Du denn die Handschuhe her?“, wollte die Ladenbesitzerin umgehend von ihm wissen.
“Öhm, äh, die habe ich bei Karstadt gekauft“, stammelte Timo, der auf diese Frage nicht vorbereitet war.
“Ahaa?“, sagte die Dame fragend mit ungläubigem Blick. „Komisch ist nur, dass gestern genau ein solches Paar bei uns gestohlen wurde.“
“Das war ich aber nicht“, betonte der kleine Mann selbstsicher.
Dann ging er zurück zu seinem Rad und brauste davon. Wohl wissend, dass er diesen Laden besser nie wieder aufsuchen sollte.

Und am Abend war es wieder da: das schlechte Gewissen. Und auch am darauffolgenden Abend und an dem danach und dem Abend nach dem auf den darauffolgenden Abend folgenden Abend. Und an den Abenden danach auch.
Allerdings wurde dieses quälende Gewissen an jedem Abend etwas leiser, bis Timo endlich wieder einschlafen konnte, ohne sich fürchterliche Gedanken zu machen.

Und so vergingen die nächsten drei Wochen ohne weitere Besuche beim Zweiradladen. So blieb auch viel mehr Zeit, mit dem Fahrrad um den Block zu rasen. Und das auch noch mit wunderschönen Handschuhen, die aber irgendwie schon am zweiten Tag ihren Glanz und ihre Wichtigkeit verloren hatten.

“Kommst du mit zum Wochenmarkt?“, fragte ihn seine Mutter an einem Mittwochnachmittag.
„Ja“ antwortete der Sprössling fröhlich und hüpfte neben seiner mit Einkaufskorb bewaffneten Mama gen Markt. Aber nach nur wenigen Metern blieb er stehen. Es fuhr ihm ein eiskalter Hauch durch alle Knochen. „Oh, Mist“, dachte er, als ihm bewusst wurde, dass der Weg zum Wochenmarkt an dem für immer zu meidenden Laden vorbei führte. Ohne sich etwas anmerken zu lassen setzte er seinen Weg fort und hoffte, dass alles gut gehen würde.

Aber dann: nachdem er gerade mit seiner Mutter um die Hausecke gebogen war, konnte er aus etwa dreißig Metern Entfernung bereits die Frau ohne Namen sehen. Sie stand vor der Hofeinfahrt, die zu ihrem Laden führte. Er würde mit seiner Mutter nun direkt an ihr vorbei gehen müssen und sie würde ihn nicht übersehen können.
“Bitte, bitte, lieber Gott! Mach, dass sie sich jetzt wegdreht und uns nicht sieht“, schickte er ein stummes Stoßgebet gen Himmel. Aber der liebe Gott schien ihm nicht helfen zu wollen.

Sein Herz pochte so schnell und so laut, dass es die ganze Straße hätte hören müssen. Und dann passierte auch noch das schlimmste, was überhaupt in dieser Situation passieren konnte. Seine Mutter ging direkt auf die Ladenbesitzerin zu und blieb mit einem freudigen „Guten Tag“ vor ihr stehen, um dann auch noch zu sagen: „vielen Dank, dass Sie meinem Sohn die Handschuhe geschenkt haben.“

Das war die Situation, deren unglaubliche Spannung in einem mittelklassigen Privat-Fernsehsender durch ein dumpfes verlangsamtes Geräusch und ein farbloses Standbild dargestellt worden wäre, um das ganze Ausmaß der Dramatik zu verdeutlichen. Von einer Sekunde auf die andere konnte Timo seinen überdrehten Pulsschlag nicht mehr wahrnehmen. Es war, als hätte nicht nur er, sondern die ganze Welt den Atem angehalten. Es war, als würden zwischen dem Satz der Mutter und einer Reaktion der Ladeninhaberin mehrere Stunden liegen. Stunden, in denen der Atem des kleinen Diebs aussetzte und in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Alles, was er jetzt noch wahrnehmen konnte, war sein Gewissen, dass mehrere kleine Nadeln in sein Herz und sein Gehirn zu bohren schien und eine unbeschreibliche Angst. Die Angst vor dem nicht auszumalenden Ärger, den er gleich bekommen würde, wenn die Frau ohne Namen seiner Mutter sagen würde, dass er die Handschuhe gestohlen hatte.

Mit diesem Gefühl verstrich Stunde um Stunde. Zumindest fühlte es sich für ihn so an. Tatsächlich vergingen von der Danksagung seiner Mama bis zur Reaktion der anderen Dame vielleicht gerade einmal drei bis fünf Sekunden.

„Vielen Dank, dass Sie meinem Sohn die Handschuhe geschenkt haben“, hallte immer wieder durch Timos Kopf. Die Frau ohne Namen schaute seine Mutter ein wenig verblüfft an, blickte dann in das vor Angst erstarrte Gesicht des Jungen und zurück zur Mutter.
“Bitteschön. Gern geschehen“, sagte sie dann.

Ob danach noch weitere Sätze zwischen den beiden Frauen gewechselt wurden, konnte der Schüler nicht mehr wahrnehmen. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er ein Gefühl, das die Erwachsenen wohl als Rührung bezeichnen. Gepaart mit einer unsagbaren Dankbarkeit.

“Ich war so böse und trotzdem war diese Frau so gut zu mir“, sagte er sich, als er am Abend wieder schlaflos in seinem Bett lag. Doch obwohl die Frau ohne Namen ihm verziehen zu haben schien, traute er sich nie wieder zu ihrem Geschäft. Sein Gewissen war nun rein. Aber er schämte sich unsagbar.

Dies alles liegt nun sehr, sehr lange zurück. Und doch stellte Timo sich später manchmal die Frage, was geschehen wäre, wenn die Zweiradverkäuferin ihn nicht vor seiner Mutter in Schutz genommen hätte. Wäre eine Ohrfeige fällig gewesen? Hätte er längere Zeit auf Taschengeld verzichten müssen? Hätte tagelang eine entsetzliche Stimmung zu Hause geherrscht? Und vor allem: wäre er bei seinem nächsten Diebstahl viel vorsichtiger und professioneller vorgegangen und hätte eine kriminelle Karriere zwischen Haftanstalt und Raubüberfällen bestritten?

Die Frau, die nicht einmal einen Namen hatte, hat auf Geld und ihr eigenes Recht verzichtet, damit ein kleiner Junge keinen Ärger bekam. Und zudem hat sie damit eine kriminelle Karriere verhindert, noch bevor sie so richtig begann. Denn Timo hatte seit diesem Tag nie wieder gestohlen.

Er war auf der Suche nach dem Kick und einem Glücksgefühl, das ihm ein Konsumartikel geben sollte, den er nicht einmal wirklich brauchte. Was er fand, war sein Gewissen. Ein inneres Bauchgefühl, das längst wusste, dass Nehmen nicht glücklich macht. Und er lernte, dass Geben tatsächlich seliger ist und dass Verzicht auch immer ein Gewinn sein kann.

Gerne hätte er sich später bei der Dame bedankt, doch ihr Laden war irgendwann für immer geschlossen und ihren Namen konnte er nie in Erfahrung bringen, obwohl er bei genauer Überlegung ja fast darauf hätte kommen können, dass sie mit Nachnamen Engel hieß. Aber es war nicht so wichtig, wie sie hieß. Es war wichtig, wie sie war.







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